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Mitten im täglichen Betrieb des Prager Hauptbahnhofs steht eines der stillsten und zugleich eindringlichsten Denkmäler der Stadt. Auf Bahnsteig 1 zeigt eine Bronzegruppe den Briten Sir Nicholas Winton mit zwei Kindern. Reisende laufen daran vorbei, Züge fahren ein und aus, Koffer rollen über den Bahnsteig. Genau dieser gewöhnliche Bahnhofsbetrieb macht den Ort so eindrucksvoll: Von hier aus begann 1939 für Hunderte Kinder eine Reise, die ihnen das Leben rettete.
Das Winton-Denkmal auf Bahnsteig 1
Die Skulptur befindet sich direkt auf Bahnsteig 1 des Bahnhofs Praha hlavní nádraží, dem Prager Hauptbahnhof. Sie zeigt Nicholas Winton mit einem Kind auf dem Arm und einem Mädchen an seiner Seite. Daneben steht ein alter Koffer – ein schlichtes Detail, das die Situation der Kinder unmittelbar verständlich macht.
Geschaffen wurde die Bronzegruppe von der Bildhauerin Flor Kent. Enthüllt wurde sie im September 2009, als zum 70. Jahrestag der Ereignisse der sogenannte Winton Train von Prag in Richtung Großbritannien aufbrach.
Wer den Hauptbahnhof nur zum Umsteigen nutzt, kann das Denkmal leicht übersehen. Es steht nicht in einer abgeschlossenen Gedenkstätte, sondern mitten im funktionierenden Bahnhof. Gerade deshalb lohnt es sich, einige Minuten dafür einzuplanen.








669 Kinder konnten 1939 Großbritannien erreichen
Nicholas Winton war kein Politiker und zunächst auch kein professioneller Mitarbeiter einer großen Hilfsorganisation. Der britische Börsenmakler kam Ende 1938 nach Prag und begann gemeinsam mit weiteren Helfern, die Ausreise von Kindern aus der bedrohten Tschechoslowakei zu organisieren.
Die Lage hatte sich nach dem Münchner Abkommen und spätestens mit der deutschen Besetzung der böhmischen Länder im März 1939 dramatisch verschärft. Besonders jüdische Familien waren unmittelbar bedroht.
Winton und seine Mitstreiter kümmerten sich unter anderem um Ausreisepapiere, britische Aufnahmefamilien und die organisatorischen Voraussetzungen für die Transporte. Zwischen März und August 1939 konnten auf diese Weise 669 überwiegend jüdische Kinder nach Großbritannien gebracht werden.
Acht Transporte brachten Kinder aus Prag in Sicherheit. Ein weiterer Zug mit rund 250 Kindern sollte am 1. September 1939 abfahren. Mit dem deutschen Überfall auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs kam dieser Transport jedoch nicht mehr zustande.
Viele der Kinder sahen ihre Eltern nie wieder.
Der Bahnhof war damals der Wilson-Bahnhof
Der heutige Hauptbahnhof trug 1939 den Namen Wilsonovo nádraží – Wilson-Bahnhof. Genau von diesem Bahnhof verließen die Kinder Prag in Richtung Großbritannien. Deshalb steht die Winton-Skulptur nicht zufällig hier, sondern unmittelbar an einem historischen Schauplatz.
Heute wirkt der Kontrast besonders stark. Hinter den Figuren halten moderne Züge, Reisende schauen auf Abfahrtstafeln oder warten mit ihren Familien auf den nächsten Anschluss.
Vor den Bronzefiguren wird aus der historischen Zahl 669 plötzlich eine persönliche Geschichte. Das Mädchen, das neben Winton steht, der Junge auf seinem Arm und der Koffer daneben lassen erahnen, was es bedeutete, als Kind allein in einen Zug zu steigen und die eigene Familie zurückzulassen.
Nicht nur Winton steht im Mittelpunkt
Die Geschichte wird häufig als die Rettungsaktion von Nicholas Winton erzählt. Das ist verständlich, greift aber zu kurz.
An der Organisation der Transporte waren mehrere Helfer beteiligt. Gleichzeitig mussten Eltern eine kaum vorstellbare Entscheidung treffen: Sie schickten ihre Kinder allein in ein fremdes Land, ohne zu wissen, ob oder wann sie sie wiedersehen würden.
Darauf verweist auch ein zweites Denkmal im Prager Hauptbahnhof, das Farewell Memorial – Památník rozloučení. Es befindet sich im Bereich zwischen Bahnhofshalle und Bahnsteigen. Eine symbolische Zugtür mit Handabdrücken erinnert an die Kinder auf der einen und ihre zurückbleibenden Eltern auf der anderen Seite.
Das Denkmal wurde 2017 installiert und stellt bewusst den Abschied der Familien in den Mittelpunkt.
Wer das Winton-Denkmal besucht, sollte deshalb auch nach diesem zweiten Erinnerungsort suchen.
Warum Nicholas Wintons Geschichte jahrzehntelang kaum bekannt war
Bemerkenswert ist auch, wie spät Wintons Engagement größere öffentliche Aufmerksamkeit bekam. Er selbst stellte seine Rolle lange nicht besonders heraus.
Erst Jahrzehnte später wurden Unterlagen über die Kindertransporte wieder stärker öffentlich wahrgenommen. 1988 wurde Winton durch einen britischen Fernsehauftritt international bekannt. In einer später berühmt gewordenen Szene saß er im Publikum, umgeben von Erwachsenen, die als Kinder durch die Transporte gerettet worden waren.
Winton starb 2015 im Alter von 106 Jahren.
Weitere Ideen für das Kulturprogramm findest du in unseren Beiträgen zu Theater und Livemusik und Prager Veranstaltungen.
Weitere Details findest du unter Schwarzlichttheater SRNEC, Nussknacker-Ballett und Franz Kafka und Prag. Aktuelle Angaben veröffentlicht Offizieller Kultur- und Veranstaltungshinweis von Prague City Tourism.
Sein Vermächtnis beschränkt sich nicht auf die unmittelbar geretteten Kinder. Aus deren Familien entstanden inzwischen mehrere Generationen. Der Nicholas Winton Memorial Trust verweist darauf, dass heute Tausende Nachkommen dieser Kinder leben.
Ein Ort, den viele Prag-Besucher übersehen
Prag besitzt große Gedenkstätten und weithin bekannte historische Orte. Das Winton-Denkmal gehört nicht dazu. Man muss weder Eintritt bezahlen noch einen Umweg durch die Stadt machen. Wer mit dem Zug in Prag ankommt oder vom Hauptbahnhof weiterfährt, befindet sich bereits direkt am historischen Ort.
Gerade diese Unauffälligkeit macht den Besuch empfehlenswert.
Auf Bahnsteig 1 stehen keine Absperrungen und keine monumentale Architektur. Zwischen Pendlern, Urlaubern und wartenden Familien erinnert die Bronzegruppe daran, dass sich an genau diesem Bahnhof 1939 Familien voneinander verabschiedeten, ohne zu wissen, ob sie sich jemals wiedersehen würden.
Praktische Informationen
Ort: Praha hlavní nádraží – Prager Hauptbahnhof
Denkmal: Sir Nicholas Winton und zwei Kinder
Standort: Bahnsteig 1
Künstler: Flor Kent
Enthüllung: September 2009
Eintritt: frei
Der Hauptbahnhof liegt nur wenige Gehminuten vom oberen Ende des Wenzelsplatzes entfernt. Das Denkmal lässt sich deshalb auch ohne Zugfahrt gut in einen Stadtrundgang integrieren.
Tipp aus eigener Besichtigung: Nimm dir nicht nur die Gesamtgruppe vor. Aus der Nähe wirken besonders die Gesichter der Kinder und der alte Koffer neben den Figuren. Gleichzeitig bleibt im Hintergrund der normale Bahnverkehr sichtbar. Genau dieser Gegensatz zwischen einem heutigen europäischen Bahnhof und der Geschichte des Ortes macht das Denkmal fotografisch und inhaltlich besonders eindringlich.
Unser Eindruck
Das Winton-Denkmal ist keine Sehenswürdigkeit, für die man quer durch Prag fahren muss. Wer jedoch am Hauptbahnhof vorbeikommt, sollte es nicht einfach passieren.
Es ist einer dieser Orte, an denen Prag seine Geschichte nicht in einem Museum erzählt, sondern mitten im heutigen Stadtleben. Züge kommen an, Familien warten aufeinander und Menschen reisen mit Koffern durch Europa. Vor diesem Hintergrund bekommt die Geschichte der Kindertransporte eine unmittelbare Dimension.
Unsere Empfehlung: Beim nächsten Weg durch Praha hlavní nádraží zehn Minuten zusätzlich einplanen, Bahnsteig 1 besuchen und anschließend auch nach dem Farewell Memorial im Bahnhof schauen.
Redaktionell überarbeitet:
21.08.2026 Passende Kultur- und Veranstaltungshinweise in den Text eingearbeitet; offizielle Quelle ergänzt.
